Glotzauge - Kino / DVD

Ein Gespräch mit Regisseur Wolfgang Petersen

„Vier gegen die Bank“

„Trump hat bei seinen Auftritten Musik aus „Air Force One“ gespielt“
Vier gegen die Bank – Ein Gespräch mit Regisseur Wolfgang Petersen

Clint Eastwood („In the Line of Fire“), Harrison Ford („Air Force One“) und George Clooney („Der Sturm“) haben gern nach seiner Pfeife getanzt: Wolfgang Petersen gehört zu den international erfolgreichsten deutschen Regisseuren. Der Antikriegsfilm „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“ hatten dem in Emden geborenen Filmemacher den Weg nach Hollywood geebnet, wo er seit 1986 lebt. Zehn Jahre nach seinem letzten Film „Poseidon“ ist der 75-jährige nun nach Deutschland zurückgekehrt, um eine runderneuerte, zeitgemäße Version seines TV-Films „Vier gegen die Bank“ aus 1976 zu inszenieren. Ein Gespräch.    

Herr Petersen, was haben Sie in den letzten zehn Jahren so getrieben?

(lacht) Ich habe mit meiner Firma in Los Angeles weiter gearbeitet, wie es sich gehört. Wir haben viele Projekte entwickelt. Aber dann kamen die Wirtschaftskrise und die ganzen Probleme mit der Rezession. Die Studios waren in Angst und Schrecken versetzt und haben plötzlich die ganze Palette ihrer Filme verändert. Sie wollten nur noch auf Nummer sicher gehen – wenn es so etwas beim Film denn überhaupt gibt. Eine relativ große Sicherheit und wenig Risiko sah man auf dem gewaltigen Feld der Superhelden-Filme, Marvel, DC und so weiter. Das funktionierte auch wunderbar. Man hat riesige Erfolge gefeiert, auch wenn die Filme sehr teuer waren. Alles andere wurde weggefegt. Dann kamen noch die „Transformers“ oder „Fast and Furious“ mit endlosen Fortsetzungen.

Für Filmemacher ist diese „No risk“-Strategie nicht gut. Alles, was wir in den 80-er und 90-er Jahren gemacht haben, ist im Hollywood von heute nicht mehr einfach hinzukriegen. Man steckt alles in diese großen Filme hinein und meist geht das ja auch gut, das muss man sagen. Die Leute rennen ins Kino. Ich selbst weniger, aber die Kids und die jungen Leute weltweit. IMAX, 3D – die ganze Spektakelmaschine funktioniert. Da bleiben wir mit unseren „erwachsenen“ Filmen ein bisschen auf der Strecke. Ich bin aber nach wie vor überzeugt, dass dieses Kino wieder zurückkommt.

Was bestärkt Sie in dieser Überzeugung?

In Amerika existiert ein riesiger Hunger nach den großen Geschichten und den großen Charakteren, wie ich sie immer geliebt habe. Die ungewöhnlichen Geschichten finden jetzt im Fernsehen statt. Grandios, was in Amerika gerade gemacht wird. Das ist die „Zuflucht“ für uns.

Meine Firma ist drauf und dran, mindestens eine, vielleicht auch zwei oder drei Fernsehserien an den Start zu bringen. Viele andere machen das auch. Es gibt ja auch den Star gar nicht mehr so richtig, der ist ja auch verschwunden. Wo sind die Will Smiths? Da sind vielleicht noch Leonardo, Matt Damon und vielleicht Brad Pitt, aber dann hört es auch schon auf.

Wie war es, wieder in der Muttersprache zu drehen?

Es kam für mich zu einem ganz richtigen Zeitpunkt. Auch, weil ich so lange nicht gedreht hatte. Nun kam plötzlich alles Positive für mich zusammen. Ich konnte seit langer Zeit wieder auf Deutsch drehen. Ich hatte noch nie eine Komödie fürs Kino gemacht und bin quasi dahin geschubst worden, endlich mal den Mut dazu aufzubringen.

Man riskiert damit ja auch etwas. Ich sehe selbst sehr gern Komödien und bin durchaus ein Mensch mit viel Humor. Lubitsch und Billy Wilder finde ich grandios. Unter dem Strich war es eine ganz tolle Erfahrung und ein großer Spaß, diesen Film zu machen. Einmal davon abgesehen, dass es ein bitterkalter Winter in Berlin war.

Ihre Besetzungsliste liest sich wie ein „Who-is-Who“ des aktuellen deutschen Kinos. Das klingt, als hätte man Ihnen förmlich die Tür eingerannt.

Das ist in gewisser Weise auch wahr. Bully hat mich ja aus Deutschland angerufen. Er hatte schon mit den anderen drei darüber gesprochen, ob sie nicht alle zusammen in diesem Film auftreten sollten. Verflucht noch mal, das klang natürlich toll! Wenn man das dann wirklich macht, stoßen die Damen aus der ersten Riege natürlich auch noch dazu. Jeder möchte gern dabei sein. Die Sache hat sich zu einem Event entwickelt.

Ursprünglich wollte ich den Film nur produzieren. Die Vier sagten aber nur zu, wenn ich die Regie übernehmen würde – und umgekehrt. So war der Deal. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Als ich nach dreißig Jahren nach Berlin zurückgekommen bin, wo ich angefangen und an der DFFB studiert habe, um einen deutschen Film zu drehen, passte das irgendwie. Es war einfach schön.

Vor Ihrer Kamera standen auch drei der kommerziell erfolgreichsten Regisseure Deutschlands. Waren sie artig oder wollten sie Ihnen ins Handwerk pfuschen?

Sie waren total artig. Ganz im Gegenteil. Ich hatte das Gefühl, dass man wusste, dass der Wolfgang ein Konzept hat und weiß, was er will. Das stimmt auch, ich bin jemand, der sich sehr gut vorbereitet und ich habe eine ziemlich klare Vision von dem, was wir machen wollen. Der ganze Dreh war mit Spaß verbunden, es gab kein autoritäres Gedöhns. Es war locker vom Hocker.

Wenn die vier Jungs zusammen spielen, geht einem ja das Herz auf. Es ist wunderbar, Til Schweiger mal eine Figur spielen zu sehen, die oben im Kopf ein bisschen zu kurz ist, weil sie zu viele Schläge einkassiert hat. Und er spielt das mit einer Wonne! Er denkt nicht an ein Image, sondern spielt das voll durch. Das gibt diesem Boxer Chris auch so eine Menschlichkeit, das finde ich schön. Es gibt in der Komödie nicht nur Schenkelklopfer. Es geht auch ein kleines bisschen tiefer, ein bisschen schöner, menschlicher.

Bei all dem Spaß sind die wirtschaftlichen Sorgen der Menschen natürlich sehr real. Kann man die Situation der Jahre 1976 und 2016 vergleichen?

Die Geschichte, die ich 1976 mit „Vier gegen die Bank“ fürs Fernsehen erzählt habe, war natürlich völlig anders. Vier reiche Herren mit ihren vier anspruchsvollen Damen kamen plötzlich in finanzielle Probleme. Geschäfte haben nicht so funktioniert und sie standen ohne Geld da. Sie wollten ihre Frauen und ihren Lebensstil nicht verlieren. Also überfallen wir mal eine Bank, um wieder reich zu sein! Dieses Konzept würde heute überhaupt nicht mehr gehen: Jetzt kucken wir mal zu, wie reiche Leute, mit denen wir uns identifizieren sollen, ihr Geld verlieren, eine Bank überfallen und wieder reich werden.

Und dann sind wir als Zuschauer happy! Heute muss man es umgekehrt machen, aus der Realität unserer Zeit heraus. Im Grunde verkörpert heute die Bank das Böse. Wir sehen vier ganz normale Jungs, die Träume verfolgen und ein bisschen Geld gespart haben. Mit denen kann man sich identifizieren. Dann werden sie fürchterlich ´reingelegt und betrogen. Und sie holen sich zurück, was ihnen gehört. Der Zuschauer führt den Kampf mit ihnen gemeinsam. Das geht heute total auf.

Das Filmzitat „Die Bank gewinnt immer“ scheint angesichts der Rettungsaktionen durch die Steuergelder und die anschließend wieder knallenden Korken zu stimmen. Ist Anstand eine aussterbende Tugend?

Ich möchte da nicht zu sehr ins Detail gehen, aber es scheint so zu sein. Und unser zukünftiger Präsident weckt nicht gerade Hoffnungen, dass sich das entscheidend verändern wird. Ganz im Gegenteil.

Was erwarten Sie, wenn der neue Präsident die „Air Force One“ besteigt?

Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass Trump bei vielen seiner Auftritte die Musik aus meinem Film „Air Force One“ gespielt hat. Auch, als er seine Rede gehalten hat, auf der er Amerika und der Welt verkündete, dass er die Wahl gewonnen hat. Seine ganze Familie ist mit aufgetreten und im Hintergrund spielte bombastisch und stark „Air Force One“-Musik.

Nee, ich habe da ein komisches Gefühl. Wir alle rätseln und diskutieren über dieses neue Amerika. Oder dieses alte Amerika, das wieder geschaffen werden soll. Trump ist momentan völlig unberechenbar und man weiß nicht, was dabei herauskommen wird.

Was bedeutet ein Präsident Trump für Amerika, die Welt und die Filmindustrie?

Ich habe keine Ahnung. Kein Mensch weiß, wie diese Leute, die er aus Industrie und Wall Street um sich schart – allesamt unerfahrene Politiker – am Ende handeln werden. Niemand hat so etwas je erlebt. Das ist schon ein bisschen Furcht einflößend, man fühlt sich gerade nicht so wohl.

Ganz im Gegensatz zu der Zeit, als Obama als erster schwarzer Präsident gewählt wurde. Das waren unglaubliche Zeiten, in denen von Amerika eine Inspiration ausging. Diesmal hatten wir zwei Kandidaten, die im Grunde beide nicht sonderlich interessant waren. Ich war auch kein großer Fan von Hillary. Man hat sich gefragt: Ist es das, was Amerika zu bieten hat? Ziemlich deprimierend.

Nach „Vier gegen die Bank“ entstand 1977 Ihr Tatort „Reifezeugnis“, der auch nach 1.000 Folgen zu den beliebtesten gehört. Hatten Sie schon damals das Gefühl, dass Ihnen etwas Besonderes gelingt?

So etwas konnte man natürlich nicht vorhersehen. Ich brauchte damals eine Besetzung für eine Schülerin, die sich in ihren Lehrer verliebt. Ich bekam den Tipp, dieses eine Mädchen anzuschauen. Als ich die damals 15-jährige Nastassja mit ihrer Mutter zum Mittagessen getroffen habe, fand ich sie schön und interessant und ich habe sie auch besetzt. Aber eines habe ich da noch nicht gesehen.

Als wir uns während der Dreharbeiten in einem Hotel in Schleswig-Holstein die ersten Muster anschauten, war es im Raum totenstill. Da wusste ich, dass etwas Ungeheuerliches passierte. Die Kamera liebte dieses Gesicht, diese Augen, dieses Mädchen. Da war etwas, das über eine gute Besetzung weit hinausging: A star is born. Damit wusste ich, dass der Film eine große Chance hätte, zum Ereignis zu werden. Als der Film lief, stand das Telefon nicht still. Nastassja war in den nächsten Wochen auf allen Covern, es war unglaublich.

Mittlerweile dreht Hollywood gern in deutschen Städten wie Berlin oder Görlitz und natürlich im Studio Babelsberg. Was für einen Standard haben Sie vorgefunden?

Er war erstaunlich. Das war für mich eine große Spannung. Damals in den 70-ern war ich oft nicht ganz mit den Teams zufrieden. Als ich jetzt zurückkam, war ich total überrascht. Man stößt auf absolute Weltklasse. Ich kann nicht sagen, dass es in Amerika bei Kamera, Ausstattung, Sound, Editing und all diesen wichtigen Bereichen bessere Leute gäbe. Sie sind hervorragend hier.

Man sollte viel mehr hier drehen und diesen Teams Chancen geben. Dass die Schauspieler hier großartig sind, wusste ich auch schon vorher. Ich schaue ja auch drüben Filme von Deutschen. Wo es noch ein bisschen zu hapern scheint, ist das Drehbuch. Die Autoren haben wohl noch ein bisschen Nachholbedarf. Ich hoffe, dass das Fernsehen so wie in Amerika diese Fähigkeiten auch hierzulande stärkt und viele Autoren die Chance bekommen, etwas vorzuzeigen.

Die Fragen stellte André Wesche.      

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Publiziert am: Freitag, 6. Januar 2017 um 14:38 Uhr